Long Gravity Salon #7 mit Anastasia Goron: Was Faceyoga über Schönheit, Haltung und Selbstwahrnehmung verrät

Was haben Augenringe mit dem Nacken zu tun? Warum wird der Kiefer mit der Zeit schmaler? Und was bedeutet Schönheit eigentlich, wenn du aufgehört hast, sie zu verbergen? Im 7. Long Gravity Salon an der Natch Remise in Berlin hat Norbert mit Anastasia Goron gesprochen, der Gründerin von All You Can Face — über Face Yoga, Anatomie, Selbstwahrnehmung und warum „Anti-Aging" eigentlich das falsche Wort ist.
Anti-Aging — ein Missverständnis
Das Wort stört Anastasia. Nicht weil sie Falten liebt, sondern weil es eine Haltung beschreibt, die gegen den eigenen Körper arbeitet. „Es ist ein Privileg zu altern", sagt sie. „Neue Erfahrungen zu sammeln, mit Freunden durchs Leben zu gehen." Schönheit, die gegen das Älterwerden kämpft, setzt sich unter Dauerbeschuss. Schönheit, die den Körper versteht, arbeitet mit ihm.
Anastasia ist nicht als Expertin zur Face-Yoga-Praxis gekommen — sondern als jemand, der sie selbst gebraucht hat. Starke Akne Anfang zwanzig, ausgetrocknete Haut, ein Spiegel, der täglich Selbstkritik zurückwarf. Bis eine Frau aus Moskau nach Deutschland kam und einen Face-Yoga-Kurs gab. „Danach habe ich mich nicht nur besser gefühlt — ich sah frischer aus. Sofort."
Das Gesicht als Spiegel der Gesundheit
Was viele als ästhetische Probleme sehen — Augenringe, Doppelkinn, Asymmetrien, frühe Fältchen — beginnt selten dort, wo es sichtbar wird, so Anastasia. Das Gesicht ist ein Rückmeldungssystem. Drei grundlegende Systeme arbeiten zusammen: das Lymphsystem, die Durchblutung und die Faszien. Dazu kommt die Muskulatur — und im Gesicht ist sie einzigartig: Nirgendwo sonst im Körper setzt Muskel direkt an der Haut an. Das ermöglicht Mimik — und bedeutet auch, dass angespannte Muskeln buchstäblich Falten in die Haut drücken.
Warum Augenringe oft im Nacken beginnen
Du sitzt täglich mit dem Kopf nach vorne gebeugt über Laptop oder Handy. Der Nacken verspannt sich. Lymphflüssigkeit kann nicht richtig abfließen — sie staut sich ins Gesicht. Der Masseter (der Kaumuskel) verkrampft, zieht den Schläfenmuskel mit; das ganze Gesicht verdichtet sich langsam von innen. Die Haut hat keinen Platz mehr, um flach zu liegen — Falten entstehen. Die Durchblutung verschlechtert sich — Augenringe erscheinen.
Ein einfacher Test: Halte das untere Augenlid sanft fest und drücke leicht. Verschwindet die Verfärbung? Dann ist es ein Durchblutungsproblem. Bleibt sie? Dann handelt es sich eher um Hautpigmentierung — und Vitamin C sowie Sonnenschutz können helfen.
Drei Morgenübungen zum Einstieg
Anastasia hat wenig Interesse an komplexen Routinen. Ihr Ansatz: einfach anfangen, konsequent bleiben, fünf bis zehn Minuten reichen.
1. Hundert Mal springen
Das Lymphsystem bewegt sich nur, wenn du dich bewegst. Anders als Blut hat Lymphe keine eigene Pumpe — sie braucht Bewegung, Vibration, Aktivierung. Steh morgens auf und spring hundert Mal auf der Stelle. Kein Trampolin nötig, keine Ausrüstung. Danach fühlst du dich wacher — und hast deinen Körper buchstäblich in Fluss gebracht.
2. Zwanzig Mal „Wow" sagen
Stell dich vor den Spiegel. Schultern entspannen, Brust öffnen. Und sag zwanzig Mal „Wow" — so laut und so weit aufgemacht wie möglich — ohne die Stirn anzuspannen. Diese Übung öffnet den Kiefermuskel, regt die Durchblutung an und — nicht unwichtig — du sagst dir jeden Morgen zwanzig Mal etwas Überraschtes und Begeistertes im Spiegel. Ein kleines psychologisches Upgrade inklusive.
3. Zunge an den Gaumen (Mewing)

Sag laut „N" — und halte genau dort inne. Das ist der Ort, an dem die Zunge gegen den Gaumen ruhen sollte. Nach oben drücken (nicht gegen die Zähne), ein sanftes Kinnkucken, Haltung aufrichten. Du wirst merken, wie der Muskel unter dem Kinn sich anspannt. Diese Übung schärft die Kontur schrittweise und unterstützt die Nasenatmung.
Der Kiefer: ein unterschätztes Zentrum
Warum werden Kiefer evolutionär kleiner? Anastasia nennt mehrere Gründe: zu wenig Stillen in der frühen Kindheit, zu weiches Essen und — besonders verbreitet in der westlichen Welt — kieferorthopädische Eingriffe, bei denen Zähne gezogen werden, um Platz zu schaffen. Das Ergebnis: Der Kiefer schrumpft weiter, die Zunge findet oben keinen Platz mehr, Mundatmung entsteht. Durch gezieltes Training — etwa die „Karussell"-Übung mit der Zunge (von innen entlang der Nasolabialfalten kreisen, acht Mal pro Seite) — kannst du gegensteuern. Langsam, aber messbar.
Hautpflege, die wirklich wirkt
Anastasia plädiert für Einfachheit: ein sanfter Reiniger, eine Feuchtigkeitscreme mit Ceramiden, tagsüber Sonnenschutz. Abends optional ein Ölreiniger — besonders bei fettiger oder unreiner Haut. Denn Öl löst Öl. Was die meisten Akneprodukte tun — die Haut austrocknen — löst das Problem nicht, es verschlimmert es.
Wichtig zu verstehen: Nicht jede Feuchtigkeitscreme spendet tatsächlich Feuchtigkeit. Humektanzien wie Hyaluronsäure oder Glycerin ziehen Wasser in die Haut. Okklusive (reichhaltige Cremes) versiegeln die Haut — aber nur, wenn schon genug Feuchtigkeit vorhanden ist. Beides hat seinen Platz, aber in der richtigen Reihenfolge.
Wie lange, bis man Ergebnisse sieht?
Das hängt davon ab, was du verändern möchtest. Schwellungen und ein frischeres Aussehen lassen sich mit einer Lymphmassage in 10–15 Minuten spürbar verbessern. Feine Linien und Augenringe brauchen drei bis vier Wochen regelmäßiger Praxis. Strukturelle Veränderungen — wie eine schärfere Kieferkontur oder das Ausgleichen von Asymmetrien — dauern Monate bis zu einem Jahr. Das Gesicht hat sich über Jahre geformt — es braucht Zeit, sich neu auszurichten. Aber fünf bis zehn Minuten täglich reichen, wenn du dabei bleibst.
„Ich bin nicht im Face-Yoga-Business — ich bin im Self-Love-Business"
Das ist der Satz, mit dem Anastasia ihre Arbeit zusammenfasst. Freiheit von Falten ist nicht das Ziel — echte Kommunikation mit dem eigenen Gesicht ist es. Zu verstehen, was der Körper sagt. Nicht mehr so unfreundlich zu sich selbst zu sein, wie man es einem Freund gegenüber niemals wäre.
Das Gespräch endet mit einem Satz, der nachhallt: Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, jünger auszusehen — sondern darum, zu sich selbst zurückzukehren. Anastasia nickt. „100 Prozent."
Schau dir das ganze Gespräch hier an — viel Freude! [YOUTUBE_LINK]
Über den Long Gravity Salon
Der Long Gravity Salon, initiiert von Natch, ist ein Live-Gesprächsformat an unserer Berliner Remise. Wir haben hier Raum geschaffen für Themen wie Gesundheit, Wandel, Nachhaltigkeit und neue Perspektiven auf das Leben — mit dem Ziel, nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen statt kurzlebige Aufmerksamkeit zu erzeugen. In einer Welt der Beschleunigung wählen wir bewusst die Tiefe. Long Gravity steht für Verantwortung gegenüber unserem Körper, unserer Gemeinschaft und unserer Umwelt — vom großen Bild unserer Lebensweise bis hin zu kleinen alltäglichen Entscheidungen wie achtsamer Mundpflege.